Rahmenstilkunde
Bilderrahmen haben sich im Laufe der Jahrhunderte ebenso weiterentwickelt wie die Kunst und die Architektur. Dementsprechend gibt es auch Bilderrahmen, die den einzelnen Stilepochen zugeordnet werden können.
Die Rahmen in der Gotik (ca. 1200 - 1480)
- Der Bilderrahmen wird erst seit dem 15.Jh. als eigenständige hölzerne Einfassungen eines Tafelbildes gefertigt. Als Vorläufer gelten Altartafeln, die Elemente aus der Sakralarchitektur aufnehmen und ein verkleinertes Modell einer Kirche darstellen. Der Rahmen ist noch fest mit dem Bildträger verbunden.
- In Italien des 15. und frühen 16. Jh. erfolgt die aufwendige Einfassung von Darstellungen religiösen Inhaltes durch „Tabernakelrahmen“ mit Säulen, Pilastern und Giebeln.
- Nördlich der Alpen entsteht als weitere Spielart des architektonischen Rahmens der schlichtere Profilleistenrahmen mit „Wasserschlag“, dessen Fußleiste von einer glatten, schräg zum Bild abfallenden Fläche gebildet wird. Er erfüllt die Funktion eines Fensters, das für den Betrachter den Blick in einen gemalten Innenraum freigibt. (I)
- Der schmucklose Typ des Leistenrahmens – dessen Struktur durch die glatte, meist linear ausgerichtete Leiste bestimmt wird - erfährt mitunter durch das Aufbringen von Schmuckelementen eine optische Aufwertung (II).

I. Robert Campin „Mérode-Altar“ Metropolitan Museum of Modern Art

II. Meister von Iserlohn, um 1450, Westf. Landesmuseum Münster
Die Rahmen der Renaissance (ca. 1400 – 1580)
- Kennzeichnend für die Renaissance ist der sog. Plattenrahmen, bei dem eine gerade Fläche von Profilen gesäumt wird.
- Er hat den Vorzug einer einfachen Konstruktion: die Teile können nahezu in jeder Schreinerei gefertigt werden. Zur Sicherung bedient man sich zweier Konstruktionstechniken, die mitunter auch kombiniert werden: zum einen der Verblattung zum anderen der Verbindung auf Gehrung, für die die Außen- und Innenprofile schräg zugeschnitten und verleimt oder genutet werden müssen.
- Die schlichte Grundform wird teilweise verziert – es gibt lokale und zeitgebundene Vorlieben.
- Der Sieneser Rahmen ist eher flächig und zeigt eine lineare Gesamtstruktur.
- Bei dem Venezianischen Plattenrahmen wird durch eine reiche Ornamentierung vor allem die Mittelbahn des Rahmens hervorgehoben.
- Der Florentiner Plattenrahmen weist eine stärkere Betonung der Profile auf; die Rahmenfläche tritt räumlich zurück. Dieser Rahmentyp wird ab dem 17.Jh. in ganz Italien führend.

Hermann tom Ring, 1547, „Bildnis des Johannes Münstermann“
Die Rahmen des Barocks (ca. 1590 – 1700)
- Ein Leistenrahmen des 17. Jh. ist der römische „Salvator-Rosa“ – Rahmen mit einer glatten Hohlkehle und Gliederungselementen aus stilisierten Blattformen, Dreh- und Blattstäben.
- Die aus der gleichen Zeit stammenden Bologneser Blattrahmen zeigen eine ähnlich strenge Komposition; erst in der 2. Hälfte des 17. Jahrhunderts entstehen offene Blatt- und Laubwerkrahmen, deren Ornamente über die Rahmenbegrenzung hinausragen.
- Im Spätbarock bildet sich in Venedig der sog. „Canaletto-Rahmen“ heraus. Die in den Schenkelzonen angelegten, geschnitzten Ornamente werden von sog. Spiegeln in der Leistenmitte getrennt. Er steht im Gegensatz zu der prunkvollen Schwere des Florentiner Blattrahmens („Pitti-Rahmen“).
- Aufgrund religiöser Einflüsse wird in Holland und im alpenländischen Raum ein neuer Rahmentypus entwickelt, ein mit Ebenholz furnierter, schwarz glänzender Profilrahmen mit langsam ansteigender Hohlkehle. Die Oberfläche wird mit wellen-, flammen- oder korbmusterähnlichen Elementen strukturiert.
- Der Barockrahmen in Frankreich übernimmt schließlich die Rolle einer repräsentativen Einfassung, die seit dem 19. Jahrhundert kopiert wird.
- Die Rahmen vom Typ Louis XIII. (I.) zeigen noch eine Einheit von Dekor und Profil, die Ornamentik bleibt in den Grenzen des Rahmenprofiles. Bereits im Stil Louis XIV. und stärker im Louis XV. (vgl. Rokoko) werden die Eck- und Mittelkartuschen dominanter, schwingen über die Rahmenaußenkante.
- Der barocke Gedanke des Gesamtkunstwerkes führt zu den ersten Umrahmungsaktionen im großen Stil.

Pieter Claesz, 1634, „Stilleben“, Westf. Landesmuseum, Münster
Die Rahmen des Rokoko (1700 – 1780)
- Möbel- und Rahmenformen werden zunehmend vom Stukkateur entworfen. Rahmen werden in die Wandgestaltung integriert, die Rahmenkunst ist nicht mehr von der Innenarchitektur zu trennen.
- Der ablösbare Rahmen schmilzt zu einer schmalen Leiste zusammen, Aufbauten und Ornamente – Eck- und Mittelkartuschen - werden aus z.T. durchbrochenen und asymmetrisch geformten Blattrocaillen, Akanthus- und Volutenwerk gebildet.
- Im Ausklang des Rokoko, in der Zeit der „Transition“, verliert der Rahmen bereits seine Verspieltheit und wird einer strengeren Gliederung entworfen. Bildersammlungen werden - uniformiert – mit einheitlichen Rahmen versehen:
- so z.B. in Süddeutschland mit dem sog. Effner-Rahmen, benannt nach dem Münchener Hofarchitekten Joseph Effner.
- Ein weiteres Beispiel ist der Dresdener Galerierahmen: nach dem Ankauf einer Sammlung 1745 durch den Kurfürsten von Sachsen werden sämtliche Gemälde (bis 1750 bereits 400) für den Jüdenhof in Dresden umgerahmt.

Wilhelm Friedrich Hirt, "Hirschjagd", 1754, Anhaltinische Gemäldegalerie
Die Rahmen des Louis XVI/ Empire/ Klassizismus (1780 – 1830)
- Bereits in der Übergangszeit der „Transition“ verlieren Rocaille-, Muschel und Blattdekore des Rokoko ihre Bedeutung; die Profile erhalten ihre Flächigkeit zurück.
- Typisches Merkmal des - komplett polimentvergoldeten - Louis XVI Rahmens (letztes Drittel des 18. Jh.) ist die Rahmenplatte ohne oder mit flachem Dekor: häufig findet sich das Motiv des Eierstabes als Außen- und die mit Blattspitzen besetzte Kehle als Innenprofil, seltener Astragal- oder Drehstäbe sowie Perlschnüre.
- Klassische Dekormotive sind die Querriffelungen (Kanneluren), Lorbeerblätter und das Mäanderfries.
- Der Empire – Rahmen entsteht unter Napoleon I. Er orientiert sich an der klassischen römischen und ägyptischen Ornamentik. Bevorzugt werden klare, gerade Formen, typische Ornamente sind Palmetten - oft vereinzelt in den Rahmenecken – und Palmettenfriese auf Hohlkehlen – und Karniesprofilen.
- Lorbeerzweige und Stäbe, Perlschnüre und Eierstäbe erscheinen auf den Innen- und Außenprofilen.
- Der gleichzeitig entwickelte klassizistische Rahmen (1800-1830) ist in Deutschland, Frankreich, Italien und Großbritannien geläufig. Es handelt sich um Hohlkehlen- und Karniesleisten; die Hohlkehlen werden oft durch Verzierung, durch Querriffelung oder Pfeiffenschnitte, die Ecken durch Akathusblattfächer betont. Die Innen- und Außenprofile werden u.a. durch Lorbeerblattstäbe, Flechtbänder, Perlstab sowie Astragalstab geschmückt.
- Klassizistische Rahmen werden von den Architekten Karl Friedrich Schinkel und Leo von Klenze für die Berliner, bzw. Münchner Galerien entworfen. Es handelt sich um Einheitsrahmen, bei denen die seriell hergestellte Leiste mit verschiedenen gegossenen Eckornamenten individuell kombiniert werden kann.

Deutscher Meister , "Bildnis eines jungen Mannes", 1. Hälfte 19. Jh., Anhaltische Gemäldegalerie
Weitere Beispiele zum Biedermeier, Jugendstil und Art Deco folgen in Kürze.
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