„Jedes Kunstwerk ist ein Stück Geschichte“
Im Gespräch erzählt Restauratorin Sonja-Helena Fröhlich, M.A., von ihrem Weg in die Restaurierung, von überraschenden Entdeckungen unter Übermalungen und davon, was sich an einem Kunstwerk über seine Geschichte ablesen lässt.
Was hat Dich ursprünglich zur Restaurierung geführt – und was hält Deine Faszination für diesen Beruf bis heute wach?
Die Möglichkeit, Naturwissenschaft und Bildende Kunst in einem Beruf zu verbinden, ist ein Glücksfall für mich, und das habe ich schon sehr früh erkannt. Ich glaube, durch eine Dokumentation auf Arte bin ich zum ersten Mal auf die Restaurierung aufmerksam geworden. Das war noch während des Abiturs. Und so habe ich direkt danach nach einer Praktikumsstelle gesucht und mit viel Glück eine unglaublich motivierende Stelle in Frankfurt gefunden, wo ich mich zwei Jahre auf mein Studium vorbereiten konnte. Was meine Faszination bis heute wach hält, ist tatsächlich genau die Leidenschaft, die mein Chef im Vorpraktikum für den Beruf ausgestrahlt hat. Man konnte gar nicht anders, als davon angesteckt zu werden.
Du arbeitest bereits seit vielen Jahren mit der Conzen Bilderrahmenmanufaktur zusammen. Wo begegnen sich die Arbeit einer Restauratorin und das traditionelle Rahmenhandwerk der Conzen Bilderrahmenmanufaktur?
Wir haben das gleiche Ziel vor Augen: wo irgendwie möglich Originales bewahren, die Künstlerintention unterstützen und nicht zuletzt natürlich glückliche Kund*innen! Dafür braucht es Wissen über historische Techniken, handwerkliches Geschick, aber auch eine große Sensibilität für Wirkung und Ästhetik. Das ist nicht zu unterschätzen und vermutlich die größte Gemeinsamkeit.
Was kann eine Restauratorin an einem Kunstwerk entdecken, das für ungeübte Augen zunächst unsichtbar bleibt?
Da könnte ich viele Beispiele aus meiner Berufspraxis nennen. Sehr häufig begegnen uns Übermalungen und Retuschen aus früheren Eingriffen, die wir meist schon im Tageslicht oder aber unter UV-Strahlung erkennen können. Was sich darunter verbirgt, ist manchmal überraschend. Statt einer Fehlstelle kann unter der Übermalung z. B. ein völlig anderes Motiv sein. So hatte ich ein großes, wunderschönes Gemälde einer Venus, auf einem Bett liegend. Darunter befanden sich eine Taube und ein Kissen. Das Kissen war eindeutig eine spätere Zutat in einem ganz anderen Malstil. Als ich die Übermalung entfernte, war darunter eine zweite Taube zu sehen, die mit der ersten kopulierte. Das war dem damaligen Betrachter wohl zu anzüglich und so wurde die ursprüngliche Szene eben etwas verändert. Interessanterweise war die Nacktheit der Venus aber kein Problem. Ein weiteres Beispiel wäre ein Rokoko-Damenportrait, bei dem Nase und Lippen übermalt wurden. Auch hier war kein Schaden die Ursache. Den damaligen Betrachter störte schlicht das Aussehen und so bekam die Dame eine kleine „Schönheitsoperation“. Die Übermalung musste ich in vielen Schritten mithilfe eines Lösungsmittelgels abnehmen (s. Fotos), bis die originale Malerei wieder zum Vorschein kam.
Was können wir durch die Restaurierung eines Kunstwerks über seine Entstehung, seine Materialien und seine Zeit erfahren – und warum ist dieses Wissen auch für kommende Generationen wichtig?
Jedes Kunstwerk ist ein Stück Geschichte. Sie liegt quasi als Materie vor uns auf dem Tisch. Durch die Forschung wissen wir, wann welche Materialien verwendet wurden, welche Angewohnheiten einzelne Künstler oder sogar welche Malprobleme sie hatten. Vorliegende Objekte können dadurch eingeordnet werden. Manchmal geschieht das quasi auf den ersten Blick, mal braucht es viele Untersuchungsmethoden.
Auch der Umgang mit Kunst im Laufe ihrer Geschichte ist doch sehr interessant. Wurde etwas schon damals sehr geachtet oder hat man es zu einer bestimmten Zeit vernachlässigt oder gar zerstört? Das lehrt uns etwas über die Normen und Werte der Generationen nach einer bestimmten Epoche. Für uns heute ist das nicht nur interessant als netter Zeitvertreib, sondern kann auch eine wichtige Warnung sein. Ich denke da an Propaganda in der Nazi-Zeit und die gleichzeitige Verfemung der sogenannten „Entarteten Kunst“.



